SCHULAUSFLUG (2018)

Recherche und Begleitheft für eine Installation im öffentlichen Raum von Michael Zinganel & Michael Hieslmair, Andreas Hofer Platz, Volksfronten, steirischer herbst 2018

Schulausflüge zählen zu jenen Bildungsformaten, die jeder*m bekannt sind, auch wenn die Erinnerungen daran mitunter sehr bescheiden und fragmentiert sind. Abhängig von der politischer Stimmung im Land und dem Engagement der Lehrenden changieren Schulausflüge zwischen populär-kulturellen Erfahrungen, spielerischer Pädagogik und sanften Methoden der Indoktrination. Erfüllt von Reisefieber und Abenteuerlust und versehen mit einem Hauch von Freiheit (weil unterrichtsfrei) sind diese Ausflüge in die Natur, zu Industriedenkmälern und historischen Stätten, hilfreiche Werkzeuge Bildungsgut zu vermitteln und lokale, regionale und nationale Identitäten zu konstruieren. Auf die die dunklen Seiten der Geschichte lassen sie sich nur selten ein.

Michael Zinganel und Michael Hieslmair stellen einen adaptierten Anhänger als Forschungsstation zwischen den Autobussen am Busbahnhof des Andreas-Hofer-Platzes ab – seit der Nachkriegszeit ein wichtiger Mobilitäts-Knoten, der die Landeshauptstadt Graz mit den steirischen Peripherien verbindet, Ankunfts- und Abfahrtsort von Pendler*innen und Schüler*innen und daher ein idealer Ort um Publikum einzubinden. Der Anhänger wird zum Sammelgefäß widersprüchlicher Erfahrungsebenen und zur Metapher, welches ideologische „Gepäck“ bei einem typischen Schulausflug mitgeführt wird, was dabei verdrängt wird und an was sich die Beteiligten tatsächlich erinnern.

Eine fiktive „(Bus-)Fahrt“ spannt sich entlang der Verwertungskette von Energieproduktion über Bergbau, Stahlherstellung, Maschinenbau und wieder retour, von der terrassenförmige Anlage des Erzberges über die Stahlwerke in Donawitz bis zur ehemaligen Steyr-Puch Autofabrik im Süden Graz. In einem ausziehbaren Hängesystem werden diese markanten Ikonen der Modernisierung durch Archiv-Aufnahmen aus der Nachkriegszeit auf Tafeln präsentiert. Konterkariert werden die expressiven Schwarzweiß Propagandabilder über den Wiederaufbaus der Republik Österreich durch eine aus dem Boden wachsende „Landschaft“ von Scherenschnitten (eine populäre Darstellungstechnik in den 1930er Jahren), in der sich Schulausflug-Destinationen und deren dunkle Vergangenheit gegenseitig durchdringen. Den narrativen Hintergrund bildet ein „Hörspiel“, das persönliche Erinnerungen an Schulausflüge die Fakten über die dabei verdrängten Aspekte der Vergangenheit gegenüberstellt: denn die steirische Industrie erlebte ihre höchste Wachstumsphase während des Austrofaschismus und Nationalsozialismus, bei der viele Zwangsarbeiter*innen zum Einsatz kamen und die beinahe ausschließlich militärischen Zwecken diente.

Basierend auf Jahreschroniken steirischer Schulen und Interviews mit Lehrer*innen untersucht diese Forschungsinstallation fröhliche Erfahrungen und düstere Historie und stellt gleichzeitig die herkömmliche, beschauliche Darstellung der Stadt-Land-Differenz in Frage.

Schulausflug – ein Projekt von Michael Zinganel & Michael Hieslmair
https://tracingspaces.net/schulausflug/

Recherche / Research:
Adina Camhy & Robin Klengel

Gestaltung des Begleithefts / Design of the additional brochure:
Adina Camhy

Druck / Print:
ÖH Servicecenter Graz

Quellen / Sources:
Steiermärkisches Landesarchiv
Bildarchiv Austria – Österreichischen Nationalbibliothek
Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung (VGA) – Archiv Votava

Vorschaubild/Umschlagfoto: Fotograf unbekannt, 1961 zwischen Fohnsdorf und Riegersburg. Danke an Christine Pichler

 

Schulausflug. Schulausflüge erzählen 1909-2018, Hg.: Michael Zinganel und Michael Hieslmair, Graz 2018